Es gibt diese seltenen Momente, in denen ein Film nicht nur einfach Erwartungen erfüllt, sondern sie auf eine eigenartige Weise sogar umdreht. So ging es mir grad eben bei The Accountant 2.
Beim ersten Teil damals habe ich eine intensive Mischung aus Spannung und Gefühl erlebt. Christian Wolff, dieser eigenwillige und teils absurde Charakter, der irgendwo auf der autistischen Skala wandert und trotzdem oder gerade deswegen, in seiner Welt brilliert. Das hatte mich damals sofort abgeholt.
Neun Jahre später. Viel zu lange, dachte ich. Übrigens sieht man Affleck die Jahre an 😛 Und dann saß ich da im Kinosaal, ein wenig skeptisch, ob dieser Zauber überhaupt noch existieren kann. Doch Ben Affleck hat mich am Ende dann doch noch überrascht.
The Accountant 2 ist anders. Deutlich. Und das nicht nur, weil diesmal der Schwerpunkt weniger auf der kühlen Action liegt, sondern mehr auf Beziehungen, Nuancen, Zwischentönen. Es ist ein Film über Familie geworden. Über Brüderlichkeit, Loyalität und Verletzlichkeit.
Ich gebe zu, ich musste mich daran gewöhnen. Wo ich rohe Action erwartet habe, bekam ich Dialoge über Hundetypen und verlorene Zeit. Wo ich dramatische Shootouts erhoffte, erlebte ich stille Szenen in einem Wohnmobil, bei denen ein Blick mehr sagte als tausend Kugeln.
Nicht jede Entscheidung hat bei mir sofort gezündet. Manche Handlungsstränge wirkten für mich aufgeblasen, einige Figuren überflüssig. Aber im Rückblick schätze ich diesen Mut. Es wäre einfach gewesen, nur den ersten Film zu kopieren. Stattdessen wagt The Accountant 2 etwas anderes.
Affleck verkörpert Christian Wolff weiterhin meisterhaft: dieses feine Spiel zwischen Abwesenheit und absoluter Konzentration. Und Jon Bernthal als Braxton bringt eine wilde Kraft hinein, die wunderbar kontrastiert. Vielleicht ist dieser Film nicht das, was viele erwartet haben. Vielleicht muss er auch genau deswegen wachsen. So wie Erinnerungen über die Zeit heller und wertvoller werden.
Es kann auch sein, dass es an der Zeit ist, unsere Erwartungen an Fortsetzungen generell zu hinterfragen. Müssen sie immer größer, schneller, lauter sein? Oder dürfen sie auch leiser, menschlicher, ehrlicher werden? Was meinst du?
